Reisekick statt Karriereknick! Warum eine Weltreise nach dem Studium nicht hinderlich für die Jobsuche ist

Australien, Singapur und Thailand oder Akten, Schreibtischjob und Termindruck? Als sich mein Masterstudium auf der Zielgeraden befand, war für mich klar, wie es weitergehen soll – lieber kopfüber den Sprung ins große Abenteuer wagen als mühselig die Karriereleiter hochklettern.

Beim Wälzen des Lonely Planets vor dem Abflug nach Bangkok konnte ich eins jedoch nicht ganz verdrängen: Was bedeutet das für meine Karriere, die nach dem Uniabschluss in den Startlöchern steht? Sorgt der Bruch im Lebenslauf auch für den Genickbruch im Job? Oder muss ich solche spießigen Sorgen vielleicht einfach beiseiteschieben und losfliegen?

Stell dir die Sinnfrage: Workaholic oder Weltenbummler?

Ich entschied mich für Letzteres – und verspielte mir damit beste Chancen. Meine Mitabsolventen stiegen direkt ein ins Berufsleben und konnten sich bald aufs erste Gehalt freuen, während meine Reiseersparnisse langsam aber sicher dahinschmelzen würden. Dabei standen die Aussichten auf einen fließenden Übergang vom Studium in eine Karriere gar nicht schlecht: Neben der Uni hatte ich einen Nebenjob als Redakteur in einer Werbeagentur und hätte fest angestellt werden können. Auch eine Promotion wäre am Lehrstuhl meines Zweitfaches Medienpraxis gut möglich gewesen – zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als mein Prof zu mir sagte: „Dir muss klar sein, dass du raus bist aus dem Unibetrieb, wenn du jetzt gehst.“ Wie mein Chef aus der Agentur wünschte auch er mir trotzdem eine tolle Zeit…

Nach dem Master eine Auszeit nehmen

Laut, bunt, billig und immer extrem: Bangkok

 

Vier Kontinente, zwölf Länder und ein Jahr später kam ich voller Eindrücke in meinem Kopf, aber ohne Jobaussicht und mit noch weniger Geld zurück nach Deutschland. Wie schwer es sowieso schon als Absolvent der Germanistik und Medienpraxis sein kann, einen Job direkt nach dem Studium zu finden, ist hinlänglich bekannt. Und darauf jetzt noch ein ganzes Jahr Auszeit? Bis ich einen Job als Online-Redakteur fand, dauerte es zum Glück nur zwei Monate und ich bin mir sicher, dass meine Weltreise ihren Teil dazu beitrug. Eine Auszeit muss also keinesfalls hinderlich für die Jobsuche sein – ganz im Gegenteil. Denn wie man schon während seines Studiums einiges tun kann, um seine Fähigkeiten für die Arbeitswelt zu schulen, so habe ich dies auf der Weltreise gemacht: das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden.

Schaut gut aus! Such dir Nebenjobs, die zum Lebenslauf passen

Nachdem Thailand, Laos, Kambodscha, Vietnam, Hongkong und Singapur in fünf Monaten abgegrast waren, stand mit Australien der erste lange Stopp an: In Sydney ging es für drei Monate in ein WG-Zimmer und in teure Pubs. Ein Bier für 12 Dollar? Ein Job musste her. Natürlich hätte ich mir mit einem klassischen Nebenjob wie Kellnern die Reisekasse auffüllen können, habe mich aber bewusst dagegen entschieden – ein bisschen, weil ich meinem Studium nachgetrauert habe und auch wegen des Blicks auf meinen Lebenslauf. Spätere Personaler würden beim exotischen Arbeitsort interessiert die Augenbrauen hochziehen und sehen, dass die Reise auch zur beruflichen Weiterbildung genutzt wurde.

Auslandsjob nach dem Studium

Nicht der schlechteste Ort zum Unterrichten: die State Library of New South Wales in Sydney

 

Über einen Aushang an der Uni und eine Online-Anzeige suchte ich mir vor Ort Deutschstudenten. Ich unterrichtete in Cafés, Stadtbibliotheken und WG-Zimmern quer über die Stadt verteilt und lernte interessante Leute kennen. Wie in meinem Job als Redakteur suchte ich mit ihnen immer die passende Formulierung, korrigierte geschriebene Texte und sprach über das Komma an der richtigen Stelle. Über einen Flyer wurde ich zudem auf ein deutsches Filmfestival aufmerksam, das vom Goethe-Institut organisiert wurde. Nach einer kurzen Mail ans Institut war ich dabei: Ich half im Vorfeld des Festivals bei der Organisation, betreute Gäste, twitterte und postete über die Festivaltage. Auch hier konnte ich mich also im gewohnten Aufbereiten multimedialer Inhalte austoben und dachte in Hashtags und Headlines. Zudem durfte ich mir umsonst deutsche Blockbuster wie Fack ju Göhte mit englischem Untertitel anschauen.

Blog ’n’ Roll – arbeite an deinen Skills

Apropos Dichter und Denker: Auch ich betrieb während meiner Reise einen Blog. Natürlich ging es darin eher um Street Food in Asien und Herr-der-Ringe-Landschaften in Neuseeland als um Hausarbeiten über Adorno und Horkheimer und deren nachhaltigen Einfluss auf die zeitgenössische Popkultur. Auch Headlines für Waschmaschinen und Texte über die neusten Modetrends kamen nicht vor – aber bloggen hilft dabei, nicht aus dem gewohnten Schreibprozess von Uni und Nebenjob rauszukommen. Nebenbei taucht man in die Welt von WordPress & Co. ein und setzt sich auch intensiver mit den sozialen Netzwerken auseinander – wenn man für seinen Blog eine Art Redaktionsplan erstellt und zum Beispiel Posts plant oder Beiträge mit Fotostrecken anteasert.

Nebenjob im Ausland finden

Zwerg vor Berg: Neuseelands höchster Berg, der Mount Cook

 

Man kann auf diese Weise auch ein bisschen Geld verdienen: Wer die Spiegelreflexkamera immer als treuesten Reisebegleiter dabei hat, der kann Reisemagazine und -blogs anschreiben und mit ein bisschen Glück dort seine Fotos veröffentlichen. Gern gesehen in Tageszeitungen sind auch Reisekolumnen – die arbeitende Bevölkerung liest beim Frühstück in der tristen Heimat gerne von der großen weiten Welt.

Perfekter Lückenfüller: deine einmalige Story

Wenn der Rucksack nach der Reise dann irgendwann im Keller verschwunden ist, wird es Zeit: Die Bewerbungsunterlagen müssen aufgefrischt werden, die Jobsuche beginnt. Aktueller Arbeitgeber? Fehlanzeige! Sicher überzeugt man nicht jeden Personaler davon, dass eine Weltreise nach dem Studium das Richtige ist. Aber verschweigen? Auf keinen Fall. In meinen Bewerbungen auf eine Stelle als Online-Redakteur habe ich mit offenen Karten gespielt und gepunktet.

Ob der Link zum eigenen Blog in der Bewerbungs-PDF oder der Name des Twitter-Accounts im Lebenslauf – gerade im Online-Bereich und in den Medien kann man sich so von anderen Mitbewerbern abheben. Selbstverständlich waren es die Tätigkeiten vor der Reise, mit denen ich letztendlich fachlich überzeugen konnte, aber in den Gesprächen wurde auch deutlich, dass die Auseinandersetzung mit dem beruflichen Themenfeld im Privaten geschätzt wird. Und ein gutes Small-Talk-Thema im Bewerbungsgespräch ist die Weltreise allemal.

Bruch um Lebenslauf nach dem Studium

Raodtrippin‘ auf der Südinsel von Neuseeland

Baby, einmal um die Welt war kein Witz!

Habe ich bei der Weltreise also doch nur an meinen zukünftigen Job gedacht? Auf keinen Fall. Vielmehr ich habe zwischen Sightseeing in New York, Roadtrippen in Neuseeland und Faulenzen am Bondi Beach das gemacht, was mir wirklich Spaß macht. Mit einem Auswanderer saß ich am Lagerfeuer im australischen Nirgendwo, aß am Thanksgiving-Football-Day Truthahn im Diner in West Hollywood und konnte mich nicht sattsehen an hunderttausenden Glühwürmchen in einer Höhle in Neuseeland. Dabei polierte ich mein Englisch auf und schulte meine interkulturellen Kompetenzen – und hielt mich nebenbei fit für die Jobsuche. Und am Ende zählt vielleicht auch besonders eins: Überlebt man 13-stündige Nachtbusfahrten auf Schotterpisten in Laos oder stürmische Bootstouren auf Fidschi, bei denen man kurz vorm Kentern ist, dann ist man auch stressresistent für jeden Job, der danach kommt.

Der Blick auf ein Jahr Weltreise vom rockefeller center in New York

Der Blick auf ein Jahr Weltreise vom Rockefeller Center in New York

Bildquelle: privat

Geschrieben von

Jan Franzen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Dieser Blog ist ein Bestandteil von Karista.de. Zum Impressum.