Das Schaf im Wolfsmantel: Der Supervisor

Wenn ein Beruf mehrere Bezeichnungen hat, ist das kein Problem. Doch was passiert, wenn sich unterschiedliche Berufe einen Namen teilen müssen? Nichts Gutes!

Ah, waren das Zeiten, als man zum Key-Account Manager noch Kundenbetreuer gesagt hat, der Art Director ein Werbegestalter war und man den Consultant einfach als Unternehmensberater bezeichnen durfte. Wenn man sich heute durch Stellenanzeigen klickt, wird man von englischen Berufsbezeichnungen erschlagen und muss zweimal darüber nachdenken, was Formulierungen, wie Warehouse Distribution Manager, tatsächlich bedeuten.

Und der Grund, wieso der Suchtext eher einem Englisch Crashkurs als einer Stellenausschreibung gleicht? Weil’s hipp, international, modern und zukunftsorientiert ist – so würden jedenfalls die Unternehmen argumentieren, die sogar die einfachsten Bezeichnungen ins Business Englisch transferieren. Da wird der Arbeitsablauf zum „workflow“, für den die optimalen „surroundings“ geschaffen werden müssen. Dabei wird ganz klar das „High Potential“ der Mitarbeiter in den Fokus gerückt. Und ja: Wir reden hier über Mitarbeiter, die gaaaaaanz viel Potential haben und nicht nur ein bisschen.

Ein Hauch Englisch ist ja kein Problem. Internationalität und Weltoffenheit haben noch niemandem geschadet. Aber was passiert, wenn man englische Betitelungen nutzt, die es schon gibt – nur mit einer ganz anderen Bedeutung? Das wäre ungefähr so, als würde man Google die Abhandlung von Platons Höhlengleichnis ins Spanische übersetzten lassen. Und das kann einfach nicht gut gehen. Die Einführung der englischen Berufsbezeichnung Supervisor, die in der Supervision bereits auf Deutsch existiert und deren Bedeutung nicht unterschiedlicher sein könnte, ist so eine spanische Übersetzung Platons.

Su-per-vi-sor, der / Wortart: Substantiv, maskulin   

Wer oder was ist dieser Supervisor, von dem immer alle reden, denn nun? Was macht ihn aus und wo ist sein natürlicher Lebensraum? Gerüchten zufolge steht er ganz oben in der Nahrungskette und hat in einem Unternehmen so Einiges zu sagen. Wenn er sich nicht gerade in einem Einzelgespräch befindet, kann er eine ganze Abteilung von seinen Zukunftsplänen überzeugen. Meetings sind bei ihm angeblich an der Tagesordnung, wie bei anderen der Besuch des stillen Örtchens. Der Supervisor wird wohl kaum den ganzen Tag nur mitreißende Reden schwingen, denkst du jetzt? Richtig. Da das gesagte Wort heutzutage immer unwichtiger wird, muss alles noch einmal schriftlich festgehalten werden.

Der Freud der Berufswelt

So oder so ähnlich hättest du dir auch einen Supervisor vorgestellt? Ein viel beschäftigter Abteilungsleiter?

Möööp, leider falsch. Jemand, der sich in Deutschland zu einem Supervisor ausbilden lässt, wird zu einer Art Therapeut für berufsbedingte Probleme. Unternehmen engagieren einen Supervisor, um das Arbeitsklima zu verbessern oder Konfliktsituationen aufzulösen, für die man als Chef nicht über die nötige Objektivität verfügt. Ihr Arbeitsplatz muss aber nicht immer eine Firma sein. Er arbeitet mit Berufsgruppen, die sich zusammenfinden und über Schwierigkeiten im Joballtag sprechen möchten. Das können Lehrer, Ärzte oder auch Gefängniswärter sein. Der Supervisor hört zu, berät und motiviert. Er ist sowas wie der Psychologe für die Berufswelt. Also jemand, der Probleme, die durch den Beruf entstehen, löst und nicht erzeugt.

Bildquelle Titelbild: www.spass.net/wp-content/uploads/2014/01/Wildschweine-608×548.jpg

Geschrieben von

Margarethe Schwarz

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