Rechts? Links? Geradeaus? – Quereinstiegsmöglichkeiten für Geisteswissenschaftler

„Und was studierst du so?“ „Germanistik und Anglistik.“ „Oh, auf Lehramt?“ „Nee. Nur so.“ Die meisten Geisteswissenschaftler hatten schon mindestens einmal ein solches Gespräch, denn scheinbar müssen alle Geisteswissenschaftler zwangsläufig Lehrer werden. Dabei hat man doch noch so viele andere Möglichkeiten, um Karriere zu machen.

Jahrelang versuchten Wissenschaftler und Autoren den Begriff „Geisteswissenschaften“ in ihre Arbeiten mit aufzunehmen und zu prägen. Richtig Bedeutung erlangte die Geisteswissenschaft aber erst Jahre später, als man sie in scharfer Entgegensetzung zu den Naturwissenschaften definierte. „Geist-Natur“, „Geschichte-Naturwissenschaft“ und „Verstehen-Erklären“ – Während die Natur aufgrund von physikalischen oder chemischen Gesetzen erklärbar ist, ist es Aufgabe der Geisteswissenschaften, das Geistesleben zu verstehen… Äh, okay, und da soll noch einer hinterherkommen. Es wird Zeit, mit den Unklarheiten aufzuräumen 😉

Wir kramen mal in der historischen Linguistik herum. Und was finden wir da: Der marxistischen Sprachgebrauch ist Schuld daran, dass die Geisteswissenschaften kurzerhand durch „Sozialwissenschaften“ oder „Gesellschaftswissenschaften“ ersetzt wurden. Mittlerweile sind die Geisteswissenschaften ein Sammelbegriff für rund 40 unterschiedliche Einzelwissenschaften. Bis heute ist man sich nur einig, dass man sich uneinig darüber ist, was zu was, wer zu wem oder wie viel von wem auch immer zum anderen gehört. An dieser Stelle darf es übrigens niemanden mehr wundern, dass Geisteswissenschaftler häufig Probleme bei der Berufswahl haben. Wer nicht definieren kann, was er eigentlich studiert hat, kann am Ende schließlich auch nicht sagen, was genau er damit anfangen kann. Shit happens.

Geisteswissenschaften – eine brotlose Kunst?

„Die Geisteswissenschaften helfen den Traditionen, damit die Menschen die Modernisierung aushalten können; sie sind […] nicht modernisierungsfeindlich, sondern – als Kompensation der Modernisierungsschäden – gerade modernisierungsermöglichend. Dafür brauchen sie die Kunst der Wiedervertrautmachung fremd gewordener Herkunftswelten.“ – Odo Marquard, 1986 in seinen besten Zeiten.

Moment mal. Heißt das jetzt, dass die Geisteswissenschaftler uns zeigen soll, wieder Feuer mit Steinen zu machen, anstatt ein „modernes“ Feuerzeug zu benutzen? Ganz so einfach ist das nicht, aber wenn wir uns die Frage nach der Zukunft der Geisteswissenschaften stellen, müssen wir (an)erkennen, dass die Geisteswissenschaften unser historisch-kulturelles Erbe bewahren. Sie sind eine Reflexion über die Selbstverständigung der Gesellschaft und halten diese in Gang. Was bedeutet das? Nun, Geisteswissenschaftler haben auf dem heutigen Arbeitsmarkt einen klaren Nachteil gegenüber BWL-Absolventen. Dabei sind sie in unserer heutigen Gesellschaft sehr wichtig und ihr Wissen definitiv mehr als nur eine „brotlose Kunst“. In ihrem Studium lernen sie, mithilfe ihrer Denkweise viel tiefer in die Materie zu gehen, zu hinterfragen und zu forschen.

Was aber kann man machen, wenn die Traineeprogramme, der klassische Quereinstieg in die Wirtschaft für Geisteswissenschaftler, gnadenlos überlaufen sind? Was tun, wenn für eine Festanstellung in der freien Wirtschaft vor allem formale Kriterien entscheidend sind und Exoten im Gegensatz zu Wirtschaftswissenschaftlern einfach nicht wahrgenommen werden?

Was tun, wenn der Arbeitsmarkt ungerecht zu Geisteswissenschaftlern ist?

Ein Quereinstieg ist in fast jeder Branche möglich und besonders Geisteswissenschaftler sollten diese Möglichkeit als Chance und nicht als Zwang ansehen. Praktika in allen Bereichen sind für Geisteswissenschaftler die beste Möglichkeit, in ein Berufsfeld zu rutschen, für welches sie sich schon immer interessiert haben. Ob als Journalist, Redakteur oder Social Media Manager – wenn wir doch mal ehrlich sind, gibt es nichts, was man nicht lernen kann. Und Geisteswissenschaftler haben den klaren Vorteil, dass sie über ein interdisziplinäres Wissen verfügen und innovative Fähigkeiten mitbringen. Sie müssen nur lernen, es an den richtigen Stellen anzuwenden und gut zu verkaufen.

Wer sich einmal für die Geisteswissenschaften entschieden hat, der hat das Studium sicher nicht wegen der wahnsinnig guten Karrierechancen nach dem Abschluss gewählt, sondern einzig und allein nach seinen persönlichen Interessen gehandelt. Sie alle sind in der Regel individuelle, fachliche Generalisten. Dafür arbeiten sie sich schnell in unterschiedliche Aufgabenfelder ein. Im Laufe des Studiums entwickeln sie zudem Fähigkeiten, die sie über den Tellerrand schauen lassen. Das macht sie zu absoluten Querdenkern und damit für die Wirtschaft wieder sehr interessant. Also, wenn das mal kein Argument ist, das Geisteswissenschaftler im Vorstellungsgespräch anwenden können, dann wissen wir es auch nicht 😉

Vorhang auf für Geisteswissenschaftler

Für Absolventen von sprach-, kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern sind gerade die Positionen interessant, in denen Angelegenheiten auch aus anderen Perspektiven betrachtet werden müssen. Probleme müssen kreativ und offen angegangen werden? Been there, done that. Die Grundsteine für gute Quereinstiegsmöglichkeiten für Geisteswissenschaftler werden bereits während des Studiums gelegt. Wer sich für Schwerpunkte wie Romanistik oder Kunst entscheidet, der braucht selbstverständlich nicht damit rechnen, dass er irgendwann in der Unternehmensberatung landen wird. Wer stattdessen Auslandserfahrung mitbringt, schon das ein oder andere Praktikum gemacht hat und beim Thema der Abschlussarbeit interessante Schwerpunkte setzt, strickt bereits gut an seinem Lebenslauf, um am Ende seine Jobchancen in der Wirtschaft zu erhöhen.

Also, auf die Bewerbung, fertig, los!

Titelbild:Thinkstock|alphaspirit

Geschrieben von

Karista

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