Mit Geisteswissenschaften den Berufseinstieg meistern

„Und was machst du später damit?“ – Eine Frage, die all diejenigen, die Geisteswissenschaften studiert haben, sicherlich vom ersten Semester an begleitete. Denn die wenigsten Unternehmen schreiben gezielt Stellen für Germanisten, Komparatisten, Philosophen oder Medienkulturwissenschaftler aus. Und so bleibt es auch vielen Leuten ein Rätsel, warum man ein solches Studium überhaupt durchzieht, um später hauptberuflich Taxifahrer oder Barista zu werden. So zumindest das Klischee. Du musst dich jedoch nicht vor deinem Berufseinstieg mit Geisteswissenschaften im Gepäck scheuen – sondern nur frühzeitig wissen, was zu tun ist, um am Ende nicht in Nebenjobs, Langzeitpraktika oder an der Uni zu versacken und eine Promotion zu starten, „weil es sonst keine Alternative gab.“

Die Stärken der Geisteswissenschaften

Sechs bis zehn Semester studiert, etliche Präsentationen hinter dich gebracht, Hausarbeiten und Essays geschrieben, Thesen in den Raum geschmissen, sie verteidigt und am Ende meinst du, nichts im Studium gelernt zu haben? Pustekuchen! Diese ganzen Sachen sind nämlich nur Produkte einer ganzen Reihe von Fertigkeiten, die du im Studium erworben und angewandt hast. Beispiele gefällig?

Du hast zum Beispiel gelernt, Informationen zu beschaffen, zu bewerten, in eigene Worte zu packen und audiovisuell zu präsentieren. Für gute Referate musstest du dich an das Reden vor vielen Personen gewöhnen, Bildmaterial für Präsentationen vorbereiten und den Umgang mit PowerPoint oder ähnlichen Programmen erlernen. Und auch für die Schreibarbeit musste man sich aneignen, dass Word nicht nur dafür da ist, um schnell einen Text zu schreiben – sondern dass man damit auch Absätze formatieren, Inhaltsverzeichnisse erstellen, oder Fußnoten verwalten kann. Kurz gesagt hast du gelernt, ganze Texte zu verfassen und zu strukturieren. Hinzu kommt, dass du dich in kürzester Zeit in dir neue Themen hineinarbeiten kannst, von denen du vorher vielleicht noch nichts gewusst hattest.

Diese Aufzählung könnte man jetzt noch ewig fortführen, aber du siehst schon, dass es im Studium um weit mehr ging, als nur das Erwerben von Fachwissen in einem Gebiet deiner Wahl. Vieles davon lässt sich sogar gut in deinen Lebenslauf einbringen.

(to) beyoncé your skills – baue deine Fähigkeiten aus

Vielleicht haben dir einige der angesprochenen Sachen sogar viel Spaß bereitet und du hast gerne anderen dabei geholfen, ihre Präsentationen vorzubereiten, Hausarbeiten gegengelesen oder warst sogar als Tutor tätig und hast dich um die Erstsemester gekümmert. Dann solltest du die von der Uni angebotenen Möglichkeiten nutzen, um ein wahrer Meister in solchen Praktiken zu werden. Dabei geht es nicht darum, deine Schwächen auszugleichen, sondern seine Stärken zu erkennen und diese noch weiter auszubauen. So entwickelst du mit der Zeit Expertisen, welche dir in verschiedenen Berufen weiterhelfen können.

Redest du zum Beispiel gerne und hast dich nie vor Präsentationen gescheut, könnte ein Workshop zu Themen wie Rhetorik oder Stimmtraining sinnvoll sein, um dich auf einen Job im Bereich Vertrieb vorzubereiten. Die meisten Universitäten bieten in der Regel Ergänzungskurse an, in denen solche praxisrelevanten Skills in der Kommunikation geschult werden. Ein anderes Beispiel wäre das Gegenlesen von Texten. Hast du immer gerne andere bei ihren Essays und Hausarbeiten unterstützt, könnte ein Workshop in einer Schreibwerkstatt oder ein Kurs zu Orthographie und Grammatik interessant für dich sein, um dich Richtung Lektorat zu qualifizieren. Wenn du eher kreativ tätig sein willst, können auch Projekte, in denen mit Film und Fotografie gearbeitet wird, interessant für dich sein: Gerade in Online-Redaktionen ist es sehr hilfreich, mit den verschiedensten Programmen und Formaten umgehen zu können, da multimediale Inhalte quasi zum Alltag gehören. Möchtest du in einer Online-Redaktion arbeiten, solltest du dich allerdings auch unbedingt mit dem Thema SEO – also Suchmachinenoptimierung – befassen, denn das wird quasi dein täglicher Begleiter. Letztlich gibt es für jeden Beruf mindestens 2 oder 3 Kernqualifikationen, die dir kaum im Studium der Geisteswissenschaften begegnen werden, sondern du dir abseits des Hörsaals aneignen musst.

Theorie ist gut, Praxis ist besser

Qualifikation ist der wichtigse Begriff eigentlich, denn darauf kommt es letztlich bei jeder Bewerbung an: Dass du beweisen kannst, qualifiziert für eine Stelle zu sein. Dabei ist es dann auch völlig unerheblich, ob es eine Stelle für dein Studienfach ist, oder ob du zwar ein „Quereinsteiger“ wärst, aber deine sonstigen Qualifikationen stimmen. Ein Quereinsteiger ist man als Geisteswissenschaftler nämlich in den meisten Fällen.

Auf eine Sache wird bei deiner Bewerbung im Gegensatz zum Studienfach immer besonders geachtet: Deine Praxiserfahrung. Worauf es Unternehmen nämlich wirklich ankommt, sind nicht deine besuchten Kurse und gesammelten Zertifikate, sondern die Taten, die du dank dieser schon vollbracht hast. Also scheue keineswegs davor zurück, schon zum Studienbeginn nach relevanten Praktika und Nebenjobs Ausschau zu halten. Es müssen jedoch keineswegs nur Jobs außerhalb der Uni sein: Ehrenamtliche Mitarbeit im Fachschaftsrat, als HiWi am Institut oder größer angelegte Projektarbeiten für die Uni in Eigeninitiative – auch all das macht Arbeit und fördert für die Arbeitswelt wichtige Fähigkeiten. Nimm zum Beispiel eine Stelle im Eventmanagement und zwei Bewerber. Die erste Person, nennen wir sie Anna, kann erzählen, wie sie im Fakultätsrat die Belange der Studenten gegenüber den Professoren verteidigt hat, Erstsemester an der Uni betreute und weiß, wie der Papierkram mit der Univerwaltung zu bewältigen war, um auf dem Campus Veranstaltungen organisieren zu dürfen. Die zweite Person, Klaus, hat sich auf ihre Kurse und Prüfungen gestürzt, um diese mit Bestnoten in kürzester Zeit abzuschließen – hatte deswegen aber keine Zeit, nebenbei einer anderen Tätigkeit oder einem Nebenjob nachzugehen. Anna oder Klaus, wer ist wohl interessanter für den Posten?

Eine weitere gute, aber unterschätzte Möglichkeit als Geisteswissenschaftler über sein Studium hinaus Praxiserfahrung zu gewinnen, ist heutzutage übrigens das Bloggen. Auch hier geht es wieder nicht darum, einfach nur Texte zu schreiben und irgendwo online zu stellen – zumindest nicht, wenn man es ernsthaft angehen will. Um einen eigenen Blog zu betreiben, muss man sich ein Mindestmaß an technischen Wissen aneignen, sollte sich einen Plan erstellen, wann man worüber schreiben möchte, und natürlich auch mit anderen Autoren netzwerken. Vielleicht gründet man auch einfach mit mehreren Leuten zusammen einen Blog oder steigt in ein bereits bestehendes Team ein. Dann hat man auch direkt eine Spielwiese, um sich an Teamarbeit zu gewöhnen. So lernst du insgesamt nicht nur wichtige Skills, die in Richtung Projektmanagement gehen, sondern erstellst dir gleichzeitig eine Referenz, auf die du in deinen Bewerbungen verweisen kannst. Denn nichts ist interessanter als jemand, der nicht nur sagt, dass er sich für bestimmte Themen interessiert, sondern auch eine Referenz hat, die zeigt, dass er sich dazu auch am Diskurs beteiligt, und das vielleicht durchaus auch mal kritisch. Im Idealfall hat dein Blog auch etwas mit den Themen zu tun, mit denen du dich beruflich beschäftigen willst und ist somit sogar für deine zukünftigen Chefs sogar interessant zu lesen.

Kompass ausrichten und losfahren

Letztlich führen für Geisteswissenschaftler viele Wege nach Rom, beziehungsweise in den Berufseinstieg. Und bei all den Möglichkeiten, die man während der Fahrt hat, sollte man nicht zu viele Kurven mitnehmen, sprich: zu viel von allem machen. Vier Fremdsprachen, fünf Praktika in drei verschiedenen Branchen und sieben Kurse in der Uni mehr gemacht als man eigentlich musste – „für die Erfahrungen, die man da mitnehmen konnte“ – das wirkt auch schnell überqualifiziert. Aber vor allem orientierungslos.

Die ersten beiden Semester im Studium dienen in der Regel dazu, auch deine Studienfächer an sich kennenzulernen. Es kommt gar nicht selten vor, dass viele in dieser Zeit auch mal das Fach wechseln, weil sie merken, dass sie etwas Anderes machen wollen. Spätestens hier kommt sie dann nämlich wirklich auf jeden von uns zu: Die anfangs zitierte Frage, was du nach deinem Studium damit machen möchtest. Diese Frage, die uns Geisteswissenschaftler vom ersten Semester an begleitet, hat nämlich durchaus ihre Berechtigung. Je eher du weißt, sie zu beantworten, desto schneller kannst du auch Gas geben und deinen persönlichen Weg Richtung Berufseinstieg starten, sei es im Direkteinstieg, Volontariat oder vielleicht als Trainee.

Titelbild: CC0 by Oscar Nilsson

Geschrieben von

Jan-Gerrit Meyer

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