Warum der Arbeitsmarkt Geisteswissenschaftler braucht

Am Ausfahrtsschild zu den Räumlichkeiten der Geisteswissenschaften der Ruhr-Universität Bochum hatte irgendwann einmal ein spitzfindiger Schmierfink das Wort Wissenschaft mit Edding in Anführungszeichen gesetzt – und ich musste ziemlich lachen, als ich es sah. Die Diskussion über Sinn und Unsinn der Geisteswissenschaften und deren Relevanz für das richtige, echte, harte Leben ist alles andere als neu. Universitäten in Großbritannien und England sind mittlerweile dazu angehalten, ihren Unterricht praktischer und wirtschaftlich effizienter zu gestalten, und in den USA sterben die Geisteswissenschaftsstudenten aufgrund der schlechten Jobaussichten allmählich aus. Ich, Absolvent der Medienwissenschaft und Komparatistik, habe diese Diskussion etliche Male geführt. Meistens mit mir selbst – und oftmals stand ich auf Seiten der Kritiker, der Mediziner und Ingenieure. Heute, wenige Jahre nach meinem Masterabschluss, habe ich aber einen neuen Blick auf mein Studium gewonnen und erleichtert festgestellt, dass mir die Zeit an der Uni doch so einige wichtige Fähigkeiten vermittelt hat: neue Denkweisen und Perspektiven, die sich für mich persönlich als auch beruflich als äußerst kostbar herausgestellt haben.

Talentfrei und alternativlos

Die Frage, ob ich im Studium eher meinen persönlichen Interessen folgen oder auf eine finanziell vielversprechende Karriere hin studieren sollte, stellte sich für mich gar nicht. Ich hätte ein Jura-, Maschinenbau- oder Medizinstudium schlichtweg nicht gepackt, da bin ich mir sicher. Da fehlen mir irgendwelche grundlegenden Komponenten, von Interesse über Talent bis zu Fleiß. Das ist bedauerlich. Genauso bedauerlich wie die Tatsache, dass ich handwerklich absolut unbegabt bin und daher nie meine kleine, urige Möbelwerkstatt irgendwo im Schwarzwald haben werde. Halbwegs sicher fühlte ich mich aber auf dem sprachlichen Gebiet. Ich schrieb und schreibe, las und lese gerne – da passte die Literaturwissenschaft.

„Komparatistik und Medienwissenschaft, das klang spaßig und wenig arbeitsintensiv“
Zweitfach brauche ich auch noch? Hm, ich mochte Filme und wollte mal Regisseur werden – dann halt noch Medienwissenschaft. Komparatistik und Medienwissenschaft, das klang nach einer spaßigen, nicht allzu arbeitsintensiven Kombination. Dass ich nicht reich damit werden würde, war mir so klar wie egal. Was ich dann später damit anstellen würde, würde sich bestimmt unterwegs irgendwie ergeben.

Fünf Jahre später…

…stand ich kurz vor dem Master und bekam Panik. Eine Richtung, in die es nach der Uni gehen sollte, hatte sich noch nicht ergeben. Ich fühlte mich weder schlauer noch irgendwie „ausgebildet“. Natürlich konnte ich ein paar Namen wie Foucault und Deleuze in den Ring werfen und sogar grob umschreiben, was die Personen hinter diesen Namen so getrieben haben – aber interessierte das denn irgendwen in der echten, richtigen Wirtschaftswelt? Würde solch Fachwissen irgendjemanden dazu bewegen, mich einstellen zu wollen?

Anxious young man biting his nails fingers freaking out

Ich muss gestehen, dass es zu großen Teilen meine eigene Schuld war, dass ich mich als nicht so qualifiziert wahrgenommen habe. Anstatt im Optionalbereich eine neue Sprache oder den Umgang mit EDV-Programmen zu lernen, habe ich ein Käpt’n Blaubär-Hörspiel umgesetzt. Hätte ich vorher bloß mal einen Artikel wie den von Kollege Jan gelesen. Auch habe ich meine zahlreichen Hausarbeiten lieber über meine Lieblingsbücher, -filme, -comics und -videospiele verfasst, anstatt mich mit Judith Butlers Dekonstruktion von Geschlechtern auseinanderzusetzen.

Versteckte Skills

Oberflächlich habe ich vielleicht versucht, es mir einfach zu machen, indem ich etwa „Die Simpsons“ zu meinem Forschungsgegenstand machte. Und noch immer fühle ich mich leicht schuldig, wenn andere Studierende mir von ihrem Lernpensum erzählen (wobei das nicht nur auf die MINT-Leute, sondern auch Historiker und Sozialwissenschaftler zutrifft). Gleichzeitig begreife ich aber auch allmählich, dass ich nicht nur den Fanboy in mir befriedigt habe, als ich Rob Zombie-Filme unter dem Blickwinkel poststruktureller Körpertheorien analysiert, die Merkmale des Film Noir und des Hardboiled-Krimis anhand der Simpsons-Folge „Wer erschoss Mr. Burns“ aufgezeigt oder herausgefunden habe, dass Stephen Kings Novelle „Die Leiche“ dem Muster einer klassischen Heldenreise nach Joseph Campbell folgt.

„Ich habe gelernt, mich schnell in neue Themen einzuarbeiten“
Sicher, über den Wert meiner Arbeit für den Fortschritt unserer Gesellschaft lässt sich sicher streiten – aber ich habe gelernt, mich in neue, komplexe Themen einzuarbeiten, meine Arbeit zu strukturieren, Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven anzugehen, neue Blickwinkel einzunehmen, kreative Lösungen zu finden oder auch mal um mehrere Ecken zu denken. In einer Gesellschaftsform, die weg möchte von den immer gleichen Blickwinkeln, hin zu neuen Fragestellungen und frischen Perspektiven, sind solche Fähigkeiten extrem gefragt.

Ob Organisationstalent oder Kreativität – Geisteswissenschaftler besitzen viele Skills

Die Geisteswissenschaften untersuchen Menschen, die ihre Umwelt wahrnehmen – Menschen, die dies nicht objektiv, sondern subjektiv tun. Es sind Wissenschaften, die auf eigener und fremder Wahrnehmung basieren. Das erfordert kritische Reflexion, kritische Fragen, es erfordert Mut und Einfallsreichtum. Geisteswissenschaftler sind viel stärker von ihrer Intuition abhängig, und stärker als in anderen Studienbereichen entwickeln sie Organisationstalent, Flexibilität, Kommunikationsstärke und analytisches Denken.

woman thinking dreaming has many ideas looking up

Wer ebenfalls schon einmal in wenigen Monaten drei 20-Seiten starke Hausarbeiten verfassen musste, die sich um völlig verschiedene Themen drehen und daher völlig verschiedene Denkansätze verlangen, der weiß vermutlich, was ich meine. Zuerst müssen spannende Themen und die dafür relevanten Informationen gefunden und verstanden, anschließend dann in die eigene Arbeit eingebaut werden. Eine Hausarbeit muss aber nicht nur inhaltlich, sondern auch von der Form her passen: Jede Behauptung muss belegt, jedes Zitat nach einem bestimmten Muster gekennzeichnet, Fußnoten und Inhaltsverzeichnisse wollen angelegt, die passenden Absätze, Zeilenabstände und Seitenränder eingestellt werden. Ganz davon zu schweigen, dass man sich daneben vermutlich auch mit PowerPoint ausgiebig auseinandergesetzt und vielleicht auch noch die eine oder andere Fremdsprache erlernt hat.

Der Weg ist das Ziel

Und nicht nur das Beherrschen dieser Techniken ist eine Errungenschaft des Studiums, sondern auch die Prozesse des Aneignens und Umsetzens selbst. Wenn du als Geisteswissenschaftler später eine Aufgabe übertragen bekommst, in die du dich vielleicht erst reinfuchsen musst, wird dir dieses Reinfuchsen vielleicht nicht mehr ganz so schwerfallen. Und in den meisten Berufen erwarten dich Aufgaben, die du nicht sofort allein aufgrund deines Hochschulwissens erledigen kannst.

„Geisteswissenschaftler zweifeln kaum daran, dass sie eine Aufgabe erledigen können“
 Ich breche jedenfalls nicht zuerst in Panik aus, wenn ich eine Aufgabe übertragen bekomme, die mir am Anfang etwas gewaltig scheint und eine gewisse Einarbeitung verlangt. Ich zweifle stattdessen keine Sekunde daran, dass ich das packe, wenn ich mich nur ausreichend damit auseinandersetze.

Mehr Mut bei der Jobsuche

Ich weiß aus eigener Erfahrung und aus meinem Bekanntenkreis, dass sich viele Geisteswissenschaftler nach dem Studium unter Wert verkaufen. Das heißt, ihrer Meinung nach verkaufen sie sich für das, was sie wert sind – weil sie sich nicht bewusst sind, was sie eigentlich für einen Arbeitgeber zu leisten imstande wären. Zudem stolpert man nur über wenige Stellenanzeigen, in denen explizit nach Geisteswissenschaftlern gesucht werden. Geisteswissenschaftler sind Allrounder, daher müssen sie flexibler und erfindungsreicher bei der Jobsuche sein. Aber genau das haben sie im Studium gelernt. Und noch so vieles mehr – sie müssen es sich nur bewusst machen und richtig verkaufen.

Bildquelle Titelbild© lofilolo/Thinkstock

Bildquelle Panik/© PIKSEL/Thinkstock

Bildquelle Fähigkeiten © AndreyPopov/Thinkstock

Geschrieben von

Björn Remiszewski

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Dieser Blog ist ein Bestandteil von Karista.de. Zum Impressum.