Wie, Germanistik nicht auf Lehramt? – Ein Studiengang, vier Berufe

Während meiner gesamten Universitätskarriere – und manchmal auch noch danach – hat mich keine andere Frage so sehr zur Weißglut gebracht wie diese. Unzählige Male musste ich dann einen Augenblick tief durchatmen und innerlich bis zehn zählen, um eine für Nicht-Geisteswissenschaftler verständliche und vor allem befriedigende Antwort zu geben. Welch Ironie: Ich befasste mich nicht nur in einem meiner Seminare mit dem Wiederholungsmotiv wie bei Sisyphos, sondern muss auch bis in alle Ewigkeit diese eine Frage beantworten. Du als Studierender der Germanistik hast auch das Gefühl, den Höllenqualen der Götter in einer Endlosschleife  ausgeliefert zu sein, und suchst verzweifelt nach Antworten? Dann stelle ich dir vier Absolventen vor, die bereits ihren Weg ins Berufsleben gefunden haben – und vier Berufe, die du mit einem Germanistikstudium machen kannst.

Man kann nicht nicht kommunizieren

Uns wird gesagt, wir können von allem ein bisschen, aber nichts so richtig. Doch genau darin liegt auch unsere Vielfältigkeit: Als Germanisten werden wir gerne mal von anderen Hochschulabsolventen in eine bestimmte Schublade gesteckt. Dabei gibt es überhaupt nicht genug Schubladen, um uns alle zu verstauen. Kommunikation ist unsere Stärke: Wir sind Redakteure, Texter, Lektoren, Übersetzer, Medienexperten, Social Media Manager und können uns auf dem Arbeitsmarkt frei entfalten – und das sollten wir auch. Wir Germanisten sind ein wundervolles begabtes Völkchen, das in den unterschiedlichsten Branchen eine erfolgreiche Karriere anstreben kann und auf dem Arbeitsmarkt gebraucht wird. Als ehemals fleißige Germanistikstudentin versuche ich meine These natürlich auch zu belegen – indem ich dir neben mir als Online-Redakteurin noch drei weitere Absolventen vorstelle, die spannende Jobs nach dem Abschluss ihres Germanistikstudiums gefunden haben.

Frau steht die Welt offen

Wer bist du und was machst du beruflich?

Rieke: Sales Managerin, 29 Jahre alt

Lisa: PR-Consultant in einer auf Healthcare spezialisierten mittelständischen Agentur, 28 Jahre alt

Mike: selbstständiger Filmproduzent und Regisseur, 27 Jahre alt

Virginia: Online-Redakteurin, 27 Jahre alt

Wie bist du dort gelandet und was hat dein Studium dir bei der Jobsuche gebracht?

Rieke: Es hat mir geholfen, in meinen Vorstellungen von einem späteren Beruf vielseitig zu bleiben, sich nicht auf eine Richtung festzulegen. Germanistik öffnet einem für so viele verschiedene Berufe ein Türchen. Davon abgesehen sind ein großer Wortschatz und fehlerfreie Rechtschreibung unheimlich sexy. 😉

Lisa: Meinen Horizont erweitert: Schreiben, kritisches Hinterfragen, Kreativität und wissenschaftliche Genauigkeit – genau das, was mich auch im Job voran bringt. Mein Interesse für die Themen Gesundheit/Krankheit habe ich mit meiner Leidenschaft für die Literatur verbunden und meine Master-Arbeit in dem Bereich geschrieben. Das verhalf mir sicher zu einer Einladung zum Vorstellungsgespräch.

Mike: Ich brauche den Publikumsjoker! Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich glaube, wenn man etwas mit Leidenschaft betreibt, ist ein akademischer Abschluss nicht zwangsweise notwendig – schadet aber sicher nicht.

Virginia: Offen im Denken – das ist nicht nur mein Universitätsmotto gewesen, sondern trifft auch auf mein Studium zu. Da ich viele unterschiedliche Schwerpunkte an der Uni und in meinen Nebenjobs gelegt habe, konnte ich sicherlich damit punkten.

Welche im Studium erlernten Skills kannst du nun anwenden?

Virginia: Ich wünschte, es wäre die fehlerfreie Grammatik und Rechtschreibung, aber wozu habe ich ein Lektoren-Team? 😉 Umfangreiche Recherchearbeiten, Infos verarbeiten und spannenden Content produzieren, sind die wichtigsten Skills, die ich mitgenommen habe.

Rieke: Ich gelte als Eloquenz-Monster, und das wohl nicht zu unrecht. Außerdem hab ich mich innerhalb meines Studiums viel mit Kommunikation beschäftigt, was ich jetzt im täglichen Kundenkontakt wunderbar anwenden kann.

Lisa: Vor allem die Grundsteine für Präsentations- und Arbeitstechniken sowie für strukturelles Denken und Herangehen an neue Aufgaben. Wer im Studium vieles davon mitnimmt, was „zwischen den Zeilen“ abläuft, profitiert später im Job.

Mike: Um ehrlich zu sein: die Soft Skills. Schlüsselkompetenzen wie Kreativtechniken und Projektmanagement sind jedem dringend zu empfehlen!

Was hattest du ursprünglich vor, damit zu machen, als du dein Studium begonnen hast?

Lisa: Wie wohl jeder Germanistikstudent „irgendwas mit Medien“. Hat ja auch geklappt, nur eben auf der anderen Seite. Ursprünglich wollte ich in den Kulturbereich, aber aufgrund der wirtschaftlichen Situation habe ich mich letztendlich im Gesundheitsbereich beruflich sicherer gefühlt.

Virginia: Sprechen und Schreiben: Das sind die beiden Pfeiler, auf die ich meine berufliche Karriere aufbauen wollte. Auf eine bestimmte Richtung war ich nicht festgelegt. Ich träumte immer davon, ein Buch zu schreiben – aber dafür ist es ja noch nicht zu spät 😉

Mike: Da ich Sprachen mag und heutzutage auch generell viel gesprochen wird, hatte ich mir erhofft, dadurch Zugang zu einem breitgefächerten Berufsspektrum zu erhalten – also quasi die Entscheidung nach hinten geschoben.

Rieke: Mein Studium ist eher aus meinen größten Interessen, statt aus einer beruflichen Perspektive heraus entstanden, denn ich wollte immer gerne etwas im Bereich Hörspiel/Synchronisation machen. Ein Jahr lange habe ich in Berlin gelebt und als Aufnahmeleiterin gearbeitet, dann war allerdings die Sehnsucht nach dem Ruhrgebiet zu groß.

Wie lange hast du gebraucht, um deinen Job zu finden?

Mike: Das habe ich parallel zum Studium gemacht und irgendwann hat das auch die Oberhand gewonnen. Deshalb musste ich sorgfältig mit meiner Zeit haushalten, was mir nicht immer gelang.

Virginia: Von meiner Stelle als Werkstudentin neben dem Studium bin ich direkt ins Volontariat – alles richtig gemacht, würde ich sagen.

Rieke: Als ich meinen Bachelor in der Tasche hatte, hab ich mir standesgemäß noch einen langen Urlaub gegönnt und dann innerhalb von nicht ganz 2 Monaten meinen ersten Job in der Aufnahmeleitung bekommen.

Lisa: Ca. 45 Bewerbungen und ein halbes Jahr später.

Träumst du davon, dich beruflich irgendwann einmal zu verändern?

Lisa: Fast jeder, der auf Agenturseite arbeitet, liebäugelt mit einer Position auf Unternehmensseite. Das Agenturleben ist hart, aber es gibt keine bessere Schule als eine Agentur. Für mich sind noch alle Wege offen.

Rieke: Es würde mich irgendwann reizen, mal ein wenig in den Alltag einer Event- oder Künstleragentur hineinzuschauen. So könnte ich die Arbeit mit Künstlern und mit Kunden verbinden und sehen, wohin mich das führt.

Virginia: Irgendwann probiere ich mal dieses „Nur wer wagt, gewinnt“ aus. 🙂 Sobald ich das Gefühl habe, nicht mehr leidenschaftlich bei der Arbeit zu sein, wird es Zeit für eine Veränderung. Dann werde ich all meinen Mut zusammennehmen und die möglichen Existenzängste ignorieren, um vielleicht irgendwas total Waghalsiges und Spannendes zu machen.

Mike: Ich kann hier nur für mich als Filmemacher sprechen: Derzeit erledige ich noch viele praktische Aufgaben, die ich im weiteren Verlauf meiner Karriere gerne abgeben würde, um dann selbst rein administrativ arbeiten zu können. Ich denke, man muss überhaupt erst mal längere Zeit arbeiten und Erfahrungen sammeln, um sich weiterzuentwickeln. Man fängt immer wieder von Null an, aber das ist vielleicht auch gut so.

Ein abschließender Tipp vom Experten: Was empfiehlst du (zukünftigen) Germanistik-Absolventen?

Rieke: Wenn ihr, wie ich, noch gar keinen Plan habt, was ihr später mit eurem Studium so alles reißen könnt, ist es auf jeden Fall wichtig, sich schon während der Unizeit über Praktika eine Orientierung zu verschaffen. Eventmanagement, Synchronisation, Buchhandel – ich habe an vielen Orten Arbeitsluft geschnuppert und es wurde nie langweilig.

Mike: Einfach durchziehen! Und so bald wie möglich begleitende Praktika oder Volontariate finden, um festzustellen, was man machen möchte und was nicht. Ich glaube, man muss sich als Student der Geisteswissenschaften darauf einstellen, sehr flexibel zu sein (so wie meine Zeichensetzung).

Lisa: Viele Praktika und das Gespräch mit Leuten suchen, die bereits im angepeilten Traumberuf arbeiten. So hart ein Studium auch sein mag, es ist eine gute persönliche Vorbereitung für das Berufsleben, fachlich sollte man jederzeit bereit sein, dazu zu lernen und Herausforderungen anzunehmen.

Virginia: Sich einfach mal was trauen, denn wie heißt es so schön, „haters gonna hate“. Es wird immer Menschen geben, die nicht nachvollziehen können, warum man sich für ein Studium der Geisteswissenschaften statt für BWL entscheidet. Nutze die Zeit an der Uni, um in verschiedenste Bereiche hineinzuschnuppern, damit man ungefähr ein Bild davon hat, wo man seine Fähigkeiten am besten einsetzen kann.

Bildquellen:
Titelbild ra2studio/shutterstock.com

Frau mit Welt  photo africa/shutterstock.com

Geschrieben von

Virginia Kalla

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