Bewerberfragen, die emotionale Intelligenz testen: Über Empathie und Selbstwahrnehmung

Deutsche Meisterschaft, DFB-Pokal-Sieg, Champions League-Finalteilnahme – dass der Tulpengeneral Louis van Gaal seinen Posten als Trainer des FC Bayern München räumen musste, lag sicher nicht an seinen fachlichen Qualitäten. Vermutlich lag es eher daran, dass er seine Kritiker anbrüllte, seine Spieler vergraulte, seine Kollegen beleidigte, es sich mit der gesamten Führungsriege verscherzte und sich selbst als einzigen Star duldete. Ein klarer Fall von mangelnder emotionaler Intelligenz! Denn emotionale Intelligenz ist die Fähigkeit, seine eigenen sowie die Gefühle, Stimmungen und Bedürfnisse anderer zu verstehen und entsprechend darauf einzugehen. Kritische Selbstreflexion und Selbstdisziplin bestimmen den EQ (Emotionale Intelligenzquotient) ebenso wie die Empathiefähigkeit, die Kompromiss- und die Motivationsfähigkeit. Alles Eigenschaften, auf die auch bei der Jobvergabe geachtet wird. Bewerberfragen, die emotionale Intelligenz testen, nehmen daher auch 2016 in vielen Vorstellungsgesprächen und Einstellungstests wieder eine große Rolle ein. Doch welche Fragen genau werden da dem Bewerber gestellt? Einige von ihnen möchten wir dir heute im Blog vorstellen und verraten, was der Personaler aus deinen Antworten schließen kann.

1. Wie wirken Sie Ihrer Meinung nach auf andere? Und was denken wohl Personen, mit denen Sie sich nicht so gut verstehen, über Sie?

Diese Bewerberfragen, die emotionale Intelligenz testen, verraten einiges über deine Selbstwahrnehmung: Welches Bild hast du von dir und deinem Auftreten, gerade im Dialog mit deinen Mitmenschen? Und kannst du einschätzen, wie du auf diese anderen wirkst? Gibt es Eigenschaften an dir, von denen du weißt, dass sie nicht so gut ankommen? Du solltest die Frage auf jeden Fall wahrheitsgemäß beantworten. Da niemand perfekt ist (und sich hoffentlich auch nicht so einschätzt), darfst du hier durchaus selbstkritisch sein. Sicher bist du schon einmal angeeckt, also orientiere dich an solchen Erfahrungen. Ähnlich wie bei der berühmten Frage nach den eigenen Stärken und Schwächen solltest du anschließend aber nicht als völliger Unsympath oder für den Job beziehungsweise das Unternehmen ungeeignet erscheinen. Pick dir lieber ein paar versteckte Stärken als Schwächen heraus. Bist du manchmal zu pedantisch oder zu (selbst-)kritisch? Tja, manch einer würde dies auch als Gewissenhaftigkeit auslegen.

2. Haben Sie schon einmal eine Situation erlebt, die Sie psychisch belastet hat? Wie sind Sie damit umgegangen? Wo suchen Sie die Ursache von solchen Situationen?

Auch bei diesen Bewerberfragen, die emotionale Intelligenz testen, geht es um die Selbstwahrnehmung der Probanden. Bist du dir bewusst darüber, wie du in Krisensituationen empfindest? Und kannst du mit solchen Emotionen umgehen? Hier punktest du, indem du deine Empfindungen bei Stress, Überstunden & Co. durchaus kennst, es aber trotzdem schaffst, einen kühlen Kopf zu bewahren. Vielleicht kannst du gleich auch noch erklären, wie du es hinbekommst, cool zu bleiben.

Gleichzeitig kannst du bei dieser Frage im Bewerbungsgespräch beweisen, wie kritisch du mit dir selbst bist. Suchst du die Fehler bei dir, oder siehst du die Schuld eher bei anderen? Stehst du zu deinen Schwächen, hast du ein gesundes Selbstwertgefühl und schätzt du deine Fähigkeiten richtig ein?

3. Wie halten Sie in heiklen Situationen Ihre Emotionen unter Kontrolle?

Bei dieser typischen Frage steht die Selbstregulierung im Mittelpunkt. Wie diszipliniert bist du, wie sehr kannst du dich auf ein Ziel oder auf eine Aufgabe fokussieren, ohne dich ablenken zu lassen? Emotionale Intelligenz bedeutet, unangenehme Gefühle im Griff zu haben, sie wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen, statt sich von ihnen überwältigen zu lassen. Dazu gehört zum Beispiel, sich trotz Internetverlockungen à la Facebook einem wichtigen Task mit ganzer Aufmerksamkeit zu widmen, aber auch, eine ellenlange To Do-Liste der Wichtigkeit nach zu ordnen, ohne in Panik auszubrechen.

4. Was motiviert Sie? Was raubt Ihnen die Motivation?

Die Fähigkeit, sich selbst und andere motivieren zu können, ist eines der größten Merkmale von hoher emotionaler Intelligenz. Zuerst musst du aber wissen, was dich motiviert oder demotiviert und wie du deine Motivation auf andere übertragen kannst. Auch dein Talent, Misserfolgen zu trotzen, steht bei diesen Bewerberfragen, die emotionale Intelligenz testen, auf dem Prüfstand.

5. Was tun Sie, um in einem Gespräch das Eis zu brechen? Wie würden Sie versuchen, mit schwierigen Kollegen oder Kunden auszukommen?

Bei diesen Testfragen geht es darum, wie empathisch du bist. Kannst du zuhören, dich in andere hineinversetzen und die Dinge aus ihren Augen betrachten? Nimmst du Rücksicht auf ihre Perspektiven und Bedürfnisse, oder bleibst du partout in deinem Blickwinkel stecken? Wie sehr beeinflusst dich selber eine unangenehmen Arbeits- oder Gesprächssituation?

6. Wie würden Sie versuchen, in einer fremden Gruppe neue Leute kennenzulernen?

Hier stehen deine sozialen Fähigkeiten auf dem Prüfstand. Wirkst du auf Fremde authentisch? Bist du unvoreingenommen? Kannst du andere leicht für dich gewinnen, oder erntest du höchstens skeptische Blicke? Unwahrheiten bringen dir hier gar nichts, schließlich erleben dich die Personaler ja gerade in Action. Gib also nicht mit deinem Witz an, während du so trocken wie ein Knäckebrot vor ihnen sitzt. Emotionale Intelligenz kann man zwar durchaus erlernen, vortäuschen lässt sie sich aber nicht.

7. Was bringt Sie zum Lachen?

Ein Lächeln verbindet und lässt dich sympathisch und offen wirken. Und nicht nur das, wenn du selbst humorvoll auf andere wirkst, dann beweist das ein Gespür für deren Humor. Es ist also nicht die schlechteste Reaktion, wenn der Arbeitgeber oder Personaler bei deiner Antwort auf die Bewerberfragen, die emotionale Intelligenz testen, selbst ein wenig lächeln muss. Übertreib es aber nicht, angestrengte Scherze, Kalauer und Schenkelklopfer haben im Vorstellungsgespräch nichts verloren. Wer aber über sich selbst lachen kann, der macht hingegen schon einiges richtig.

8. Können Sie Hilfe von anderen annehmen? Oder um diese Hilfe bitten?

Zwei unterschiedliche, aber wichtige Fragen während der Bewerbung, die emotionale Intelligenz testen. Niemand ist eine Insel, ganz ohne die Anderen geht es nicht. Vor allem nicht in Sachen Kompetenzen, denn niemand kann alles. Da ist es, auch für die eigene Karriere, wichtig, Hilfe von anderen anzunehmen, die gewisse Dinge einfach besser können. Du operierst dich ja auch nicht selbst. Falscher Stolz ist daher unangebracht, man möchte testen, ob du dir deiner eigenen Schwächen durchaus bewusst bist und zu ihnen stehst.

Das Bitten um Hilfe ist dann wieder etwas anderes. Menschen mit einem (zu) hohen EQ haben nämlich vielleicht nicht aus falschem Stolz ein Problem damit, sondern weil sie keine Last für den anderen sein wollen. Doch auch hier gilt: Das Bittenkönnen zeigt, dass du dir deiner Schwächen durchaus bewusst bist und sie akzeptierst.

9. Haben Sie ein Vorbild?

Gibt es eine Person, die dich inspiriert? Durch ihre Werte, ihr Verhalten? Und warum ist das so? Dich beeindruckt die Motivationsfähigkeit von Jürgen Klopp? Das Engagement Martin Luther Kings? Die Selbstlosigkeit von Mutter Theresa?  Ein Vorbild, das du nennst, zeigt nicht nur, welche Eigenschaften dir imponieren, sondern auch, dass du fähig bist, diese Eigenschaften in einer anderen Person zu erkennen und für dich das Beste daraus filtern kannst.

10. Was macht Sie wütend?

Kein Job ist ein einziges Bälleparadies, Konflikte und negative Gefühle gehören dazu. Umso wichtiger ist es für dich zu wissen, welche Knöpfe man drücken muss, um dich zur Weißglut zu bringen, und wie du verhindern kannst, in die Luft zu gehen.

Einfach mal die Bayern fragen

Den Testverfahren, die emotionale Intelligenz prüfen, geht es nicht um deinen Intelligenzquotienten. Es sind keine Intelligenztests, die schauen wollen, wie schlau du bist. Hier geht es um das emphatische Empfinden, um dein Einfühlungsvermögen, um Herz statt Gehirn. Es wird geprüft, wie einfühlsam du bist, also ob du Emotionen erkennst, diese beeinflussen und in die Tat umsetzen kannst. Mitunter werden solche Fragen auch mal in komplexer Form oder in Standardfragen verpackt, dann wieder sind sie direkt auf den Punkt. Ebenso wichtig wie deine Antworten ist aber ohnehin dein generelles Verhalten während des Vorstellungsgesprächs: Wie kommunizierst du verbal und nonverbal, wie ist deine Haltung, wie reagierst du in dieser Stresssituation? Wer keine emotionale Empathie besitzt, der wird das nicht lange verhehlen können. Man frage nur mal die Herren beim FC Bayern München.

Geschrieben von

Björn Remiszewski

6 Kommentare

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  • Vielen Dank für diese Aufstellung der Beispiele. Das letzte Video zeigt ganz klar ein typisches Soizialverhalten. Während ein MA eine Präsentation macht, schenkt ein anderer MA ihm die Aufmerksamkeit, die es verdient. Im Gegenteil seine Art und Weise und seine ganze Körperhaltung ist auf Trotz und Provokation ausgelegt. Es ist dennoch erstaunlich, dass sich der vortragende sich so aus dem Konzept bringen lässt. Hoffe er hat gute Anwälte und Ärzte.

    • Das kennt man ja leider auch schon aus der Schul- und Unizeit. Bei Präsentationen wird nicht immer die Aufmerksamkeit geschenkt, die angebracht wäre. Das hat einfach etwas mit Respekt und Anstand dem Präsentierenden gegenüber zu tun, und allerspätestens im Berufsleben sollte man beide Haltungen einnehmen können. Wenn dann auch noch Böswilligkeit dazukommt, kann das einen schon ganz schön aus der Fassung bringen. Wenn es derart eskaliert, muss aber schon im Vorfeld einiges im Argen gewesen sein.

  • Super Blogpost! Vielen Dank. Ich finde den Punkt „Emotionale Intelligenz kann man zwar durchaus erlernen, vortäuschen lässt sie sich aber nicht.“ absolut hervorhebenswert. Authentizität ist das A und O. Ich habe mir dazu auch neulich Gedanken gemacht: https://bapply.de/authenzitaet-bei-der-bewerbung. Es bringt einfach niemanden etwas, wenn man in der Bewerbungsphase vorgibt etwas zu sein, was man nicht. Gilt übrigens auch (und fast noch mehr) für Personaler 🙂

    (Das erwähnte Video habe ich übrigens leider nicht gefunden…)

  • Das ist wirklich ein ganz toller Beitrag. Ich denke man stellt sich diese Fragen viel zu selten und weiß dann überhaupt nicht, warum man so reagiert wie man reagiert. Ich denke auch viele Chefs sollten auf diese Fragen eingehen um ihre zukünftigen Mitarbeiter besser kennen lernen zu können. Danke für den Beitrag!

    • Gern geschehen und vielen Dank für das Lob! Ich bin der Meinung, Bewerberfragen sollten ohnehin noch viel stärker auf die Persönlichkeit der Kandidaten abzielen. Weg von dem standardisierten Blabla, hin zu Fragen, durch die man die Bewerber wirklich kennenlernt.

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