Kellnern, Kassieren, Promotion: 5 Gründe, warum ein „blöder Job“ doch ziemlich super ist

Dass das Gras auf der anderen Seite immer grüner sein soll, gilt in (mindestens) einer Situation nicht: Wenn dir ein „blöder Job“ dein Studium finanziert – diesen findet nämlich niemand mit einem perfekt auf das Studienfach abgestimmten Job grüner (sprich: glamouröser oder sinnvoller) als den eigenen. Ein „blöder Job“ ist dabei eigentlich gar nicht blöd, er sorgt schließlich genauso für deinen Lebensunterhalt wie eine Werkstudentenstelle in einer hippen PR-Agentur. Er hat nur nicht unbedingt das Potenzial, ein attraktiv-funkelnder Schmuckstein in deinem Lebenslauf zu werden oder die Inhalte deines Studiums in der Praxis zu vertiefen. Es geht hier um Jobs wie Kellnern, Kassieren, Regale einräumen, als Teil eines Promotionsteams Leute in Innenstädten nerven oder Flyer verteilen. Ich habe während meines Studiums derartige Jobs gemacht und möchte ein leidenschaftliches Plädoyer in ihrem Namen halten…

Vorteil 1: Flexible Schichtarbeit

Als ich studiert habe, musste ich Studiengebühren zahlen. Vier Jahre lang, 1000 Euro pro Jahr – zusätzlich zum normalen Semesterbeitrag. Obwohl ich von meinen Eltern finanziell unterstützt wurde, musste ich neben der Uni noch arbeiten, um mir meinen Lebensunterhalt und die teuren Studiengebühren leisten zu können. Wegen der damals noch strikten Anwesenheitspflicht und meiner Pendelei zur Uni, musste ich mir genau überlegen, welche Jobs mit meinem Stundenplan vereinbar sind. Da in Büros meist von 9 bis 17 Uhr gearbeitet wird, kam die Arbeit dort schon allein deshalb nicht in Frage, weil ich mein Studium aufgrund der hohen Gebühren schnellstmöglich beenden wollte (hat nicht so gut geklappt, aber das ist eine andere Geschichte). Es musste demnach eine Tätigkeit her, in der ich abends und am Wochenende arbeiten konnte und die möglichst flexibel einteilbar war, damit ich mich in Klausurenphasen aufs Lernen konzentrieren konnte. Ich habe also im Kino gearbeitet, im Einzelhandel und bei einer großen Kaffeehauskette, der Schichtdienst hat meinen Stundenplan perfekt ergänzt.

Sozialverhalten im blöden Job

Vorteil 2: Sozialverhalten – hervorragend

Ich möchte keinesfalls sagen, dass sich Leute, die niemals einen „blöden Job“ gemacht haben, unsozial verhalten. Es ist aber durchaus auffällig, dass die meisten meiner Bekannten, die neben ihrem Studium gekellnert, kassiert o.ä. haben, besonders nett zu ihren Mitmenschen sind. Das kann viele Gründe haben, beispielsweise ist es bei regelmäßigem Kundenkontakt Teil des Jobs, freundlich zu sein. Schließlich sollen die Kunden oder Gäste wiederkommen, vielleicht spekuliert man auch auf ein höheres Trinkgeld. Ein „blöder Job“ bringt außerdem oft echt schräge Menschen mit sich, die grundlos rummeckern, besonders anspruchsvoll sind oder einen behandeln, als wäre man ziemlich dumm – und mit allen von ihnen muss man ruhig und zuvorkommend umgehen. Man lernt also, auch mit den schwierigsten Menschen auszukommen, nicht direkt aus der Haut zu fahren und die eigene Laune für sich zu behalten. Das sind Eigenschaften, die einem im Büroalltag sehr zugute kommen können.

Vorteil 3: Kein Horizont in Sicht

Außerdem hat man es in diesen Nebenjobs oft mit Kollegen zu tun, die nicht studieren oder keinen Hochschulabschluss haben. Dadurch gewinnt man Einblicke in den Alltag und die Lebensansichten von verschiedenen Menschen, die man an der Uni oder im Rahmen eines Werkstudentenjobs womöglich niemals kennenlernen würde. Bei uns im Büro arbeitet zumindest keine 50-jährige Hausfrau aus Leidenschaft, die mit ihrem 450-Euro-Job die Urlaubskasse für sich und ihren Mann aufbessern möchte. Und auch kein Mann Anfang 30, der sein Studium abgebrochen hat und seitdem durch die Gegend jobbt, um seine kleine Familie und das Eigenheim zu finanzieren – irgendwo muss das Geld ja herkommen. Mit Kollegen zu arbeiten, denen man erst einmal erklären muss, was und warum man überhaupt studiert, ist eine unheimliche Bereicherung. Zumindest, wenn man sich gegenseitig offen und neugierig begegnet, kann ein „blöder Job“ den eigenen Horizont auf eine Art erweitern, wie es kein Studienfach und keine Fernreise jemals schaffen würden. Es hat mir geholfen, die Dinge aus verschiedensten Perspektiven zu betrachten, was mir vor allem bei meiner Arbeit als Online-Redakteurin sehr weiterhilft. Es fällt mir dadurch leichter, mich in Menschen hineinzuversetzen und meine Texte ‚durch ihre Augen‘ zu lesen.

Blöder Job Barista

Vorteil 4: Stressresistenz!

Mein erster richtiger „blöder Job“ war am Popcornstand eines großen Kinos. Es war das Jahr 2001, „Der Herr der Ringe: Die Gefährten“ lief an, ich wurde also direkt ins kalte Wasser geschmissen. Wenn zwischen 19 und 20:30 Uhr gefühlt 10.000 Menschen gleichzeitig und innerhalb von maximal 5 Minuten ihre Snacks wollen, die Kohlensäure leer wird, der Käsesoßenspender verstopft, die Wut der Kinogäste immer größer wird und dann auch noch deine Kasse rumspinnt, dann lernt man schnell, was Stress bedeutet. Kann man solch einer Situation standhalten und lernt man dabei, mit dem Druck und dem Gezeter umzugehen, kann sich das im späteren Berufsleben sehr positiv auswirken. Die Chefin hat einen schlechten Tag und meckert grundlos? Passiert. Man bekommt eine Stunde vor Feierabend noch eine ganz dringende Aufgabe? Dann ist Gas geben angesagt. All das fühlt sich im Vergleich zu den Schimpf- und Stressorkanen im Servicebereich an wie eine sanfte Brise.

Vorteil 5: Schätzen, was man hat

Im Sommer merke ich den Unterschied besonders deutlich: Während einige Teammitglieder wegen der Hitze nölen, am besten schon um 3 Uhr morgens anfangen würden und kaum mit der Hitze klarkommen, denke ich lächelnd zurück an die Zeit, zu der ich bei 35 Grad in der prallen Sonne Tische ab- oder Spülmaschinen mit noch heißem Geschirr ausräumen musste. In dicker schwarzer Arbeitskleidung versteht sich. Ich sitze nun beim Schreiben dieses Textes mit einem kühlen Getränk entspannt an meinem Schreibtisch und lausche dem Surren des Ventilators – so fühlt sich Glück an. Ebenso bin ich extrem dankbar dafür, halbwegs flexible Arbeitszeiten zu haben und bei einer Verspätung nur kurz anrufen zu müssen. In einem meiner „blöden Jobs“ gab es eine Abmahnung, wenn man sich dreimal 2 Minuten zu spät eingestempelt hat. Was mir dadurch eingetrichtert wurde, nennt sich auf Spießerdeutsch dann wohl „Arbeitsmoral“. Ich bin dennoch auch darüber ziemlich glücklich. Ich weiß, was harte, körperliche Arbeit bedeutet und wie gut ich es habe, da ich nun meine geistigen Fähigkeiten mehr einsetzen kann. Dennoch möchte ich keinen meiner (wirklich gar nicht) „blöden Jobs“ missen, denn ohne sie wäre ich heute ein anderer und höchstwahrscheinlich unglücklicherer Mensch.

Dankbarkeit

Disclaimer: Ich möchte mit meinem Text niemanden angreifen, der den perfekten Nebenjob hatte. Ich habe euch in der Popcornküche schwitzend sogar glühend beneidet. Vielmehr möchte ich Leuten, die ebenfalls, aus welchen Gründen auch immer, ihr Studium durch „blöde Jobs“ finanziert haben, Mut machen und vermitteln, dass auch diese einen auf gewissen Leveln weiterbringen können.

Bildquellen:
Titelbild: Nykonchuk Oleksii/Shutterstock
Hände: Rawpixel.com/Shutterstock
Barista: pikselstock/Shutterstock
Seifenblasen: olakumalo/Shutterstock

Geschrieben von

Leonie Feibig

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